Ein besonderer Tag

 

»Haben Sie mal zehn Cent für mich?«, fragte der junge Mann die alte Frau. Er zog entschuldigend sein Handy hervor. »Es ist leer, ich müsste aber mal dringend telefonieren.«

 

Die alte Frau sah ihn, auf ihren Rollator gestützt, misstrauisch an. Er war Anfang zwanzig, braungebrannt, das Haar zu einem peniblen Undercut geschnitten, die Tapered Jeans endeten in weissen Turnschuhen der Marke Nike, am Oberkörper trug er eine himmelblaue Sportjacke von Adidas. Er machte einen gepflegten Eindruck. Das war die Hauptsache. Sie zog ihr Portemonnaie hervor und war dabei es zu öffnen, als der Mann es ihr aus der Hand riss und davonrannte.

 

Als wäre der Rollator eine motorisierte Beschleunigungshilfe, setzet ihm die Frau, immerhin schon über achtzig, nach dabei »Hilfe! Ich bin bestohlen worden!«, schreiend.


Ein Nachbar, der sich gerade in seinem Auto befand, nahm die Verfolgung auf und konnte sehen, wie der Täter weiter unten im Tal in einem Haus verschwand. Wie sich herausstellte, in seiner eigenen Wohnung, die der Vermieter, langjähriger Getränkelieferant der alten Dame, bald darauf für die Polizei mit seinem Nachschlüssel öffnete, die im Inneren Täter wie Beute in Gewahrsam nahm.

 

In der Zwischenzeit war ich über die Ereignisse in Kenntnis gesetzt worden, als ich auf die Strasse getreten war um einen guten Freund zu treffen, der, nach einer beruflichen Niederlage, einen kleinen Spaziergang nötig hatte. Nun stand ich bei der alten Dame, meiner Mutter, die sich zitternd an ihrem Rollator festhielt, während eine kleine blonde Polizistin konfus die umherstehenden Zeugen und Schaulustigen herumkommandierte. Bald fand sich auch mein guter Freund, der mir entgegengegangen war, ein. Seine Nerven lagen blank.

 

»Nun regen Sie sich mal nicht so auf und erzählen eins nach dem anderen«, herrschte genau in diesem Moment die Polizistin meine Mutter an, die daraufhin sprachlos in Tränen ausbrach.

 

Die Knöchel an den geballten Fäusten meines guten Freundes wurden kalkweiss und ich fragte mich, ob ich nun mit ansehen würde, wie die vorlaute Bullette eine wohlverdiente Tracht Prügel bekäme. Vorsorglich holte ich eine Flaschen Bier aus dem Keller und positionierte meinen Freund in einer ruhigen Einfahrt.

 

Als dem Protokoll Genüge getan war, Polizei und Schaulustige sich verzogen hatten und meine Mutter einigermassen beruhigt in ihre Wohnung zurückgekehrt war, holte ich noch mehr Bier aus dem Keller und begann mit meinem guten Freund endlich den anvisierten Spaziergang.

 

Auf einer Bank mit Blick auf den Segelflugplatz machten wir Rast und entkronten unsere Flaschen, während ein kleiner grüner Traktor die Landebahn mähte.

 

»So etwas ist mir in meinem ganzen Berufsleben noch nicht passiert.« Mein Freund war zutiefst verstört. Er hatte sich solche Mühe gegeben, aber der Kunde hatte seine Entwürfe mit einer verächtlichen Geste vom Tisch gewischt.


Schweigend sahen wir dem Traktorfahrer bei seiner Arbeit zu. Wir hörten auch zu.

 

»Er sollte mal hochschalten, in dem Gang, in dem er jetzt ist, könnte er glatt ein Kuh über die Piste schleifen«, knurrte mein Freund und steckte sich den Finger der freien Hand ins Ohr, während er mit der anderen die Flasche an den Mund führte.

 

Ich versuchte, ihn mit einer Geschichte aufzuheitern, die mir ein wohlbekannter altehrwürdiger Bürger höchstpersönlich erzählt hatte. Dieser war nämlich angeklagt worden, in das Gartenhäuschen eines hiesigen Ex-Pfarrers eingebrochen und daraus Viagra entwendet zu haben. Er hatte es mir keineswegs beschämt, schon gar nicht schuldbewusst, sondern eher stolz erzählt, was viel über sein Alter aussagt, welches eben schon recht jenseits aller fleischlichen Versuchungen liegt. Grund für die Anschuldigung war wohl die Beschwerde eines Nachbarn, der sich durch die leidenschaftliche Hingabe des Ex-Pfarrers zur Freikörperkultur visuell belästigt gefühlt hatte. Unklar ist allerdings, ob das später verschwundene Viagra für eine besonders herausragende Anstössigkeit gesorgt hatte. Jedenfalls versuchte unser altehrwürdiger Bürger in dieser Situation zu vermitteln, wollte jedoch keinesfalls dem Ex-Pfarrers den Namen des Beschwerdeführers preisgeben, woraufhin der ehemalige Mann Gottes wohl auf Rache gesonnen und den alten Herrn des Vandalismus und des Diebstahls von Erektionshilfen beschuldigt hatte.

 

»Ein alter Hut«, brummte mein Freund übellaunig. »Darüber habe ich mit dem Alten schon vor einem halben Jahr gelacht.«

 

Ich zuckte mit den Achseln. Da musste ich wohl mal wieder für längere Zeit auf Reisen gewesen sein. Wir tranken schweigend und sahen und hörten dem Traktor beim Mähne zu. Endlich war die Landebahn geschoren, der Motor verstummt, das Bier hatte uns entspannt und die Stimmung meines Freundes wagte gerade eine leichte Aufwärtsbewegung, als ein Fahrrad hinter und bremste. Es war ein alter Bekannter, seine Augen waren gläsern, in der Plastiktüte am Lenker klapperten leere Bierflaschen. Stumm reichte er uns seine wie eine überdimensionale Maulwurfsklaue geformte Hand.

 

»Na, kommst Du aus dem Garten?«, fragte ich ihn.

 

Er blickte mich stumpf an, ich bin mir sicher, dass sein Lippen versuchten, ein Wort zu formen, es reichte jedoch nur zu einem tiefen Grunzen. Dann stürzte er kopfüber vom Rad, rollte über unsere Bank, nutzte die davor stehende Mülltonne für einen weiteren Überschlag und kam im hohen Grass zu Liegen. Mein Freund sprang auf.

 

»Ich muss hier weg!«, rief er und fügte mit zitternder Stimme hinzu: »Das ist einfach zu viel.«

 

Ich nickte, brachte ein ersticktes »Hmmmh« hervor bei dem Versuch nicht lauthals loszuprusten und stand ebenfalls auf. Unser Bekannter nahm benommen Platz auf der Bank, die eben noch die unsere gewesen war, ich opferte ihm mein letztes volles Bier, wünschte ihm einen guten Tag, und machte mich mit meinem Freund davon.

 

Keine hundert Meter weiter zündeten unsere blankliegenden Nerven wie Feuerwerkskörper und wir begannen vor Lachen zu brüllen. Was für ein Tag, es konnte nur noch besser werden. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sich die Sonne für längere Zeit herausgewagt und die Menschen schienen wahnsinnig geworden zu sein.

 

Wir fanden unser Refugium an einem Tisch des Windsor Pubs mit Blick auf den spärlichen Verkehr des Neumarkts. Das Bier lief aus grossen Gläsern durch unsere Kehlen, während in einer Ecke eine Krähe auf die Gelegenheit wartete, die dort herumstehenden Müllsäcke zu plündern.

 

»Irgendwas wird heute noch passieren«, sagte mein guter Freund. »Ich spüre es genau.«

 

Ein schöner, alter, ozeanblauer Lancia Fluvia bog auf den Neumarkt und begann seine Rundreise auf der wie ein grosser, eckiger Kreisverkehr um den Platz führenden Strasse. Als das Coupé vor uns vorüberfuhr, applaudierten wir anerkennend und erhielten im Gegenzug vom Fahrersitz her das strahlende Lächeln einer bildhübschen Mulattin geschenkt.

 

Nichts weiter mehr geschah an diesem Tag, die Sonne ging unter, Frieden und Stille lagen über der Stadt, kein weiteres Verbrechen wurde verübt, kein Betrunkener torkelte durch die Gassen. Nur mein Fuss juckte ein wenig.

 

Am nächste Tag, ich duschte mir gerade den Schlaf vom Körper, entdeckte ich die Ursache des andauernden Juckreizes. Das augurieren meines Freundes war in Erfüllung gegangen, es war doch noch etwas passiert gestern. Eine Zecke steckte in meinem Fuss und spreizte vor Freude alle Beine von sich wie ein Fallschirmspringer. Sie musste sich am Segelflugplatz in meinen Schuh gestürzt haben. Beim Versuch sie zu entfernen blieb ihr Kopf in meiner Haut stecken, der Fuss schwoll rot und dick. Den Nachmittag verbrachte ich bei meiner Hausärztin, die mir fröhlich mitteilte, dass ich, sollte ich an Borreliose erkranken, eine neunzigprozentige Heilungschance hätte.

 

»Na«, dachte ich. »Immerhin besser als Russisches Roulette.«

 

Der Tag war dabei, eindeutig besser zu verlaufen, als der vorhergehende.

 

 

 

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Kommentare: 7
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